Muray D.Geschichten hinter der Wirklichkeit
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Die Matrix der Liebe · Original-Leseprobe

Kapitel 1 – Mittwoch, der Elfte

Muray D · Vollständiges erstes Kapitel · ca. 4 Minuten Lesezeit

Am Mittwoch, dem 11. November 2009, nahm Elias um acht Uhr abends das Headset ab.

Die Ohren waren noch heiß von den Polstern. Er legte das Headset neben die Tastatur und rieb sich die Stirn. Auf dem Bildschirm stand das eingefrorene Ende der Runde; im Team-Chat lachte einer seiner Freunde über einen Fehler, den Elias nicht mehr mitbekommen hatte.

„Bin raus“, sagte er ins Mikrofon.

„Schon?“

„Keine Lust mehr.“

Er schaltete das Headset aus, ohne die Antwort abzuwarten. Nun hörte er das tiefe Surren des Rechners und die gedämpften Stimmen aus dem Wohnzimmer hinter der geschlossenen Tür.

Was er später machen wollte, welchen Beruf er sich vorstellte, ob er schon einen Plan hatte: Elias kannte die Fragen. Mit siebzehn antwortete er meist mit einem Schulterzucken. Bei einem defekten Gerät probierte er so lange, bis er den Fehler fand; bei sich selbst kam er damit nicht weiter. Nach dem Essen ging er gern nach oben. Dort verlangte zunächst niemand eine Antwort.

Er lehnte sich zurück. Der Stuhl knarrte. Vier Stunden hatte er gespielt, mit einer Unterbrechung für das Abendessen, und kaum bemerkt, wie die Zeit verging. Auf dem Schreibtisch lagen Schulhefte und ein Mathebuch, das er am Nachmittag geöffnet, aber kaum gebraucht hatte. Die Aufgaben waren erledigt. Sie waren ihm leichtgefallen, wie fast alles in der Schule. Wenn Lehrer ihn lobten, freute ihn das kurz. Dann war der Tag trotzdem noch lang.

Am Teller neben dem Monitor klebte noch ein Rest vom Abendessen. Mit seiner Mutter und den Geschwistern hatte Elias unten gegessen; über die Schule war kaum gesprochen worden. Seine Tasche lag noch in der Ecke.

Jetzt hatte er auch von der digitalen Welt für einen Moment genug.

Elias trommelte auf die Tischplatte. Für diesen Rest des Abends musste es doch noch etwas geben.

Also öffnete er den Browser.

Das Darknet kannte er bisher vor allem aus Erzählungen seiner Mitschüler: ein Ort voller Gerüchte, verborgener Seiten und Dinge, von denen man besser nichts wissen sollte. Gerade das machte ihn neugierig. Nicht, weil er nach etwas Bestimmtem suchte. Er wollte sehen, ob die Wirklichkeit dort tatsächlich so düster war, wie alle behaupteten.

Der Zugang war umständlicher, als er es später sein würde. Elias startete ein Programm, wartete auf die Verbindung und klickte sich durch mehrere Seiten. Er kannte sich mit Technik aus. Die kleinen Hindernisse reizten ihn; jeden Schritt fand er selbst.

Seiten luden: heller Text auf dunklem Grund, Verzeichnisse, Gespräche. Zwischen aufgeblasenen Behauptungen suchte Elias nach etwas, das über die nächste Verlinkung hinausführte. So verborgen war hier alles, so vertraut das Gerede.

Dann stieß er auf ein Forum mit dem Namen Wahrheitsfinder.

Die Überschrift wirkte feierlicher, als die Seite aussah. Darunter lagen einzelne Themenbereiche, nüchtern aufgelistet. Menschen diskutierten über Gott und Teufel, über verborgene Wahrheiten und angebliche Beweise. Zwischen den Beiträgen tauchten Bilder auf, dunkel und unscharf. Elias konnte nicht erkennen, was sie zeigen sollten. Die Unschärfe verlockte dazu, etwas darin zu suchen.

Er scrollte weiter.

Manche Beiträge waren lächerlich. Andere ließen keinen Zweifel zu. Nicht ihre Argumente beunruhigten Elias, sondern der Ton. Er merkte, dass ihm das Lesen nicht guttat. Trotzdem scrollte er weiter.

Unter den Beiträgen entdeckte er ein Konto namens Unbekannt.

Kein Profilbild. Hinter dem Namen stand eine Zahlenfolge, die Elias nur flüchtig wahrnahm. Er klickte auf die Übersicht der bisherigen Beiträge des Kontos.

Nur ein Eintrag.

Die wenigen Worte hielten seinen Blick fest.

Am Freitag, dem 13., veröffentliche ich die Wahrheit. Mach damit, was du willst, aber lies sie durch.

Auf der Datumsanzeige stand:

Mittwoch, der Elfte.

Zwei Tage.

Er klickte zurück zum Profil. Keine weiteren Beiträge, keine Erklärung, keine Diskussion darunter. Nur der eine Satz und der leere Platz, an dem ein Profilbild hätte stehen können.

Ein Scherz, dachte er.

Wahrscheinlich.

Trotzdem ließ er die Seite geöffnet.

Etwa alle zehn Minuten lud er die Seite neu. Stunden vergingen. Dazwischen lag seine Hand neben der Maus. Sprang der Bildschirmschoner an, genügte eine Mausbewegung, und der unveränderte Beitrag erschien wieder. Elias suchte nach einer neuen Zeile. Nichts.

Aus dem Wohnzimmer drang ein Lachen. Elias sah zur geschlossenen Tür, dann zurück zum Profil. Unten ging der Abend weiter.

Und doch las Elias den Satz ein drittes Mal.

Am Freitag, dem 13.

Er rückte den Stuhl an den Tisch und setzte den Zeiger auf Aktualisieren. Seine Hand blieb liegen.

Es waren noch zwei Tage. Schließlich schloss Elias den Browser und ging ins Bett; die Frage nahm er mit.

Aus dem Roman „Die Matrix der Liebe“ · © 2026 Muray D

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Der Buchstart des Taschenbuchs ist für den 2. November 2026 geplant. Hier findest du die Informationen zur Veröffentlichung und später den direkten Bestelllink.